Die Geschichte über die Telfer Tuifl     Der Krampus ist der teuflische Begleiter des hl. Nikolaus, dessen Fest am 6. Dezember jedes Jahres gefeiert wird. Der Krampus taucht um diese Jahreszeit in unterschiedlichen Formen auf. Diese reichen von der (v.a. früher sehr beliebten) Grußkarte, über den Zwetschken- oder Schokoladenkrampus bis hin zum verkleideten Maskenmann. Und auch dieser erscheint je nach Region in verschiedenen Ausprägungen und hat verschiedene Namen. Er heißt Klaubauf in Osttirol, Bartl in Oberkärnten, Ganggerl im Unterinntal, Tuifl in unserer Region usw. Der Krampus ist aber nicht einfach Begleiter des Nikolaus, sondern ebenfalls dessen Untergebener und auch Gegenstück. Und als untergebenes Gegenstück zu einem Heiligen wird der Krampus – egal, was er früher einmal war – automatisch zu etwas Teuflischem, aber auf untergeordneter Ebene. Roland Girtler erfasst das Wesen des  Krampus in seinem Buch „GRUSS VOM KRAMPUS“ sehr treffend: „Er faszinierte mich als Bub, und er fasziniert mich heute noch, als alten heidnischen Katholiken, der hie und da in die Kirche geht. Auch das Böse hat seinen Charme – und den hat der Krampus! Doch nicht alle bösen Geschöpfe haben diesen Charme, sondern nur jene, die einen gewissen Ehrenkodex einhalten. Zu diesen faszinierenden Bösen zählen der edle Ganove, der anderes Leben achtet, der die Reichen bestiehlt und ein Freund der Verfolgten ist, der verwegene Wildschütz, der dem aristokratischen Jäger die Gams vor der Nase wegschießt, aber auch der Krampus als eine edle Abart des Teufels. [...] Zu den unedlen Abarten des Teufels, zu denen keineswegs unser Krampus zu rechnen ist, gehören menschen- und tierverachtende Wesen, die ich als Satane bezeichnen will. Auf sie ist hier nicht einzugehen, mit ihnen will ich nichts zu tun haben. Der wahre Krampus oder Kramperl – und vor allem sein Pendant, der Klaubauf – hat, wie ich noch zeigen werde, einen Ehrenkodex. Er ist nämlich nur böse zu denen, die ebenfalls böse sind. Auf Geheiß des Nikolaus kann er schließlich auch gut sein. Der Krampus im klassischen Sinn ist also kein Feind des Menschen, er ist vielmehr jemand, der unter der Obhut des Nikolaus den Menschen Schrecken einjagt, um sie anzuhalten, den guten Weg zu suchen. Er ist, frei nach Goethe, das Wesen, das Böses tut, aber Gutes möglich macht.“ Die Frage nach der Herkunft des Krampus kann nicht endgültig beantwortet werden. Jedoch scheint er in direktem Zusammenhang mit den Perchten zu stehen, von denen er nicht eindeutig zu trennen ist. Roland Girtler schreibt hier: „Sie sind mit dem Krampus verwandt, wahrscheinlich entstammen sie demselben wilden Hintergrund. In manchen Alpengegenden finden sie nämlich für den Krampus neben „Spitzbartl“ auch die Bezeichnungen „Berchtl“ oder „Bercht“, was auf Percht hinweist. Dieser Percht ist zwar der 6. Jänner gewidmet, doch im Laufe der Zeit vermischte sich der Perchtenbrauch mit dem Nikolaus, und die Percht wurde zu dessen Begleiterin. Vielleicht ist die Percht als ein unheimliches Wesen, das die Leute erschreckt und ärgert, älter als der Krampus. In alten Sagen tritt sie als Anführerin einer wilden Schar, oftmals ungetauft gestorbener Kinder, auf [...] Die Perchten wurzeln im Dunkeln der Antike, möglicherweise waren ihre Vorläuferinnen geheimnisvolle Frauen, die das Handeln der Menschen kontrollierten, auf Ordnung achteten und Unordentlichkeit bestraften.“ Der Krampus scheint also eine Figur zu sein, die irgendwann im Laufe der Geschichte vom „heidnischen Volksglauben“ in  den „christlichen Volksglauben“ überwechselte.   Befragt man bei uns im Stubaital die „Älteren“ zum Krampus, dann hört man meist, dass er schon kam, als sie noch Kinder waren. Oft hat ihn der Nikolaus in die Stube gerufen. Manche Kinder waren zu Tode erschreckt, da sie den Leibhaftigen vor sich glaubten, der sie nun mitnehmen würde. Andere haben den Verkleideten wohl früher durchschaut und erzählen dann eher von ihren „Heldentaten“ gegenüber diesem, wenn sie sich erfolgreich zur Wehr gesetzt haben. Der Krampus als Drohmittel gegenüber den kleinen Kindern hat inzwischen – Gott sei Dank – fast überall ausgedient. Allerdings ist das nur ein Aspekt dieser Figur. Weitere beschreibt Otto König in seinem Buch „Krampus – Klaubauf – Nikolaus“ auf sehr eindrückliche Weise anhand der Osttiroler  Krampusse, genannt  Klaibaife: „Die Wilde Jagd" Geht man am 4., 5. oder 6. Dezember nachts durch Matrei oder einen anderen Osttiroler Ort, möchte man meinen, der Wilde Jäger und sein Heer tobten durch die Gassen. Pelzverhüllte Gestalten mit großen Schreckmasken kommen unter lautem Schellengedröhn herbeigestürzt, packen zu, schütteln, drehen und werfen einen letztlich zu Boden. Zehn, zwanzig, ja bis zu vierzig oder fünfzig Unholde sind es, die da unter ohrenbetäubendem Lärm laufen, springen und mit Passanten herumraufen. Ernsthaft geschieht dabei fast nie etwas, aber der Schreck fährt dem Ahnungslosen wie auch dem Wissenden in alle Glieder. Es ist unmöglich, nicht betroffen zu sein. Wer jemals jahrhundertealte Berichte oder vergilbte Protokolle damaliger Gerichtsherren las, der erkennt sofort: Das ist die Wilde Jagd! Das sind die Werwölfe, von denen amtlich berichtet wird, dass sie sich an heimlichen Orten trafen, fellverkleidet in Massen die Dörfer heimsuchten, Bierfässer leertranken, den Frauen auflauerten und in unversperrte Häuser drangen. So und nicht anders hat es sich abgespielt, bei den Germanen ebenso wie im Mittelalter bis in die Neuzeit herauf. Und all das geschieht noch heute jedes Jahr zu Beginn des Dezembers. [...] Dass die so oft beschriebene und besungene Wilde Jagd nicht von Gespenstern, sondern von Burschen aus Fleisch und Blut gelaufen, getanzt und gesprungen wird, ist jedenfalls klar. [...] In den jungen Hitzköpfen dreht es sich immer um Imponieren, Mädchen und Kameradschaft. Der Versuch, die Wilde Jagd als Totenbrauch, als Geisterzug, als mythischen Gotteskult oder gar als verschobenes Erntedankfest zu erkären, kann nur in stillen Gelehrtenstuben überdauern – inmitten der Realität einer lebendigen Jugend wird er scheitern.“ Es gibt zahlreiche Parallelen zwischen den Osttiroler Klaibaifen und den Tuifl im Stubai. Karlheinz Töchterle schreibt in seinem Buch „STUBAI“ dazu Folgendes: „Dieser Brauch, der mit dem Treiben der furchterregenden Gestalten auf dem Dorfplatz von Fulpmes seinen Höhepunkt findet, erhielt neues Leben durch Osttiroler Burschen, die im Stubai einen Arbeitsplatz  fanden und aus ihrer Heimat die prächtigen geschnitzten Masken mitbrachten. Mittlerweile werden sie auch von heimischen Schnitzern hergestellt.“ Die Osttiroler Burschen haben das „Tuiflgiahn“ nicht ins Stubai gebracht, sondern sie fanden den Brauch hier vor und haben ihn dann offensichtlich deutlich mitgeprägt. So ist zum Beispiel auch das vereinzelte, aber nicht zu leugnende Auftreten der sonst nur für Osttirol typischen „mullatn“ (= hörnerlosen) Masken auch in früheren Jahrzehnten damit zu erklären. In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass die Alten den Krampus bei uns manchmal als „Klaubau“ oder mehrere als „Klaubauiler“ bezeichnen. Das wilde Treiben auf dem Dorfplatz ging im Stubaital von Fulpmes aus und wurde von den anderen Gemeinden des Tales übernommen. Ein besonderes Charakteristikum des „Tuiflgiahns“ in Telfes sind die ausgiebigen Hausbesuche – früher am Tuifltag und heute an den Vorabenden zu diesem. An sich sind diese regional ja weit verbreitet, im Stubai allerdings gibt es diese nirgends in derart ausgeprägter Form. Es wird dabei vor oder auch in einzelnen Häusern und Gaststätten regelrecht ein kleines Tuifltreiben veranstaltet. Die Gastgeber laden oft noch weitere Gäste ein und bewirten anschließend großzügig Krampusse und Zuschauer. Eine Familie soll an dieser Stelle namentlich erwähnt werden. Ander und Hanni Maurberger heißen die Tuifl seit Jahrzehnten am Ende ihrer Runde durch das Dorf willkommen – meistens erst weit nach Mitternacht. Dort werden alle dann bis in die frühen Morgenstunden überreichlich mit Speis und Trank versorgt, sodass der Start in den folgenden, eigentlichen Tuifltag oft etwas schwer fällt. (Alle weiteren Haushalte und Gasthöfe, wo wir empfangen werden, sind auf unserer Homepage unter der Rubrik Freunde angeführt.) Natürlich erfährt der Brauch immer wieder Änderungen und macht Entwicklungen durch. Eine solche neuere Entwicklung, die aber inzwischen zu einem festen Bestandteil des Tuiflgiahns in unserer Heimatgemeinde wurde, ist der „Telfer Stiefl“. Dabei wird den Neuzugängen irgendwann im Laufe der Krampustage einer ihrer Schuhe gewaltsam ausgezogen; dieser wird dann mit Bier aufgefüllt, anschließend von allen ausgetrunken und dann wieder seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. (Waren die Neuzugänge schon dran, kann es durchaus auch einmal einen älteren Tuifl oder gar einen mitfeiernden Zuschauer erwischen.) Um allerdings den Charakter des Brauches trotz gewisser Weiterentwicklungen zu bewahren, hat sich der Verein entschlossen, die Maskierung und die Form der Auftritte immer innerhalb eines gewissen Rahmens zu belassen: So soll unser Gewand nur aus Schaf- oder Ziegenfellen bestehen, ohne zusätzliche Bestandteile, wie Latex, Krallenhandschuhe, Lederfetzen, Stacheln usw. Mit Stolz tragen wir geschmiedete Schellen aus dem Stubai, die aus unserem Tal in die ganze Welt exportiert werden. Wir verwenden keine Symbole, die unserer Meinung nach nichts mit dem Krampus zu tun haben, wie verkehrte Kreuze oder andere satanistische Bilder, Särge, Galgen usw. Und auch unsere Auftritte sollen sich möglichst am klassischen Krampuslauf orientieren – reine Showauftritte, nachgestellte schwarze Messen oder Ähnliches führen wir nicht durch. Auf diese Weise hoffen wir, uns den Spaß am wilden Treiben zu erhalten und gleichzeitig dem Anspruch gerecht zu werden, Brauchtumsträger in unserer Heimat zu sein. Andreas Töchterle   nach Oben